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„Ein Sitz – Platz für Christus“

Liebe Leserin, lieber Leser!

Aufgerührt, aufgerüttelt, aufgeschreckt, bestürzt, beunruhigt, betroffen, entsetzt, enttäuscht, empört, Wut, Widerwillen, Wehmut – das sind bei weitem nicht alle meine Gefühlsempfindungen beim derzeitigen Thema Nr. 1 in Öffentlichkeit und Kirche: Schwere sexuelle und gewalttätige Verfehlungen von Priestern und kirchlichen Autoritäten gegenüber Minderjährigen und Schutzbefohlenen und deren Vertuschung.

Zu den bisher bekannt gewordenen Schrecklichkeiten kam am 5. März 2019 eine weitere hinzu: Abends bei „arte“ wurde eine Dokumentation gesendet über jahrelangen, fortgesetzten Missbrauch unzähliger Ordensfrauen durch Männer der Kirche, auf den weitere unmenschliche Verfehlungen folgten – auf allen Kontinenten.

Dass auch Menschen der Kirche versagen und sich schwer versündigen, hat es in der Geschichte immer gegeben. Dass sich Autoritäten erlauben, was sie anderen verbieten, war zu allen Zeiten Ziel von Widerstand und Spott. Die abgründigen Fakten aber, die sich seit den ersten Enthüllungen vor neun Jahren über Missbrauchsfälle im Berliner Canisiuskolleg immer weiter aufgetürmt haben, sprengen jedes bisher vorstellbare Maß.

Sicher: Im Zweifel für den Angeklagten; Schuld muss erst erwiesen werden. Aber wenn sie erwiesen ist, dann muss auch gehandelt werden: Schuldige zur Verantwortung ziehen, Vertuschung und Verleugnung durch Winkelzüge und Schönfärberei enttarnen und in Zukunft unmöglich machen.

Strafe ist zwingend erforderlich, wo jemand Strafe verdient, auch wenn es lange her ist. Das gilt für alle Ebenen – bis hinein in den engsten Mitarbeiterkreis des Papstes. Ein staatlicher Schuldspruch und der Entzug allerhöchster kirchlicher Ämter und Würden ist ein unmissverständliches, einschneidendes Zeichen: STOP!

Ich spüre in mir den starken Wunsch, in der österlichen Bußzeit zumindest ein schlichtes Zeichen zu setzen und etwas zu tun, was meine innere Beteiligung zum Ausdruck bringt: Ich habe mich entschlossen, mich vorerst in unseren Kirchen nicht mehr auf den Priestersitz zu setzen. Dieser ist nämlich am allerwenigsten ein bequemer Hocker für den Träger des Messgewandes, sondern Symbol dafür, dass in der Liturgie CHRISTUS den Vorsitz hat, dessen Stelle der Priester nur vertritt.

Ich möchte damit zum Ausdruck bringen: Wenn so viel Verwirrung und Enttäuschung von Verantwortlichen der Kirche ausgeht, dann muss CHRISTUS umso mehr ausdrücklich Platz haben und unverstellt Raum bekommen, damit er in unserer Mitte einziehen, anwesend sein und wirken kann. Dazu kommt mir ein eindrucksvoller Satz aus der Liturgie der Diakonenweihe in den Sinn: Wenn der Bischof den Kandidaten einzeln das Evangelienbuch überreicht, spricht er: „Empfange das Evangelium Christi. Was du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde; was du verkündest, erfülle im Leben.“

Diesen Satz möchte ich abwandeln, so dass er für uns alle gelten kann: Empfangt das Evangelium Christi: Was ihr hört, stärke euren Glauben; was ihr glaubt, das präge euch; was euch prägt, macht sichtbar in eurem Leben.

Eine auf diese Weise deutlicher geprägte Erneuerungszeit ist vonnöten und wird uns – so dürfen wir hoffen - den lebendigen, österlichen Christus stärker erfahrbar werden lassen.

                                                                Bernhard Brackhane