Startseite

Gedanken zum 4. Fastensonntag "Laetare" - 22.03.2020 - 3. Sonntag ohne Messfeier im Bielefelder Osten

Falls Sie, liebe Schwestern und Brüder, beim eiligen Brot- und Flüssigseifekauf (oder etwa auch 20 oder mehr Portionen K..papier?) auf der Straße rechts oder links schauen konnten, dann ist Ihnen vielleicht eine großformatige Zigarettenwerbung aufgefallen. Es geht um die bekannten, starken  gallischen Zigaretten (gaullois, gaulloise = gallisch). Ein junger sympathischer Mann liegt da und raucht entspannt; dazu hört er Musik aus seinen Kopfhörern. Drumherum steht:

Vive le moment (Lebe den Augenblick) und die Welt steht still

Dieser starke optische Impuls hat meine Phantasie in Bewegung gesetzt. Wenn ich daran denke, was uns jetzt so stark beschäftigt, möchte ich den Satz umdrehen:

Die Welt steht still – Lebe den Augenblick!

Anders als der junge Raucher mit den Kopfhörern sperren wir Mund, Nase und Ohren auf und nehmen wahr: Alle vertraute Bewegung - die der Autos, der Flugzeuge und die unserer eigenen Füße steht so gut wie still - weil wir gehemmt, gelähmt, eingeschränkt sind von angstvollen Gedanken: Was könnte uns passieren und zustoßen, wenn wir uns infizieren?

Die Tradition großer, erfahrener Christen, Männer und Frauen, lädt uns ein: Lebe den gegenwärtigen Augenblick. Er ist der einzige Moment, der dir gehört. Was gerade war, ist vorbei; was noch kommt, ist noch nicht da. Aber das JETZT ist dir geschenkt. JETZT kannst du leben, glauben, hoffen, lieben. Viele schöne Beispiele werden bekannt: junge Leute, die ihre - notgedrungen - schulfreie Zeit anbieten, um für ältere Menschen einzukaufen; Lehrerinnen, die per Computer mit ihren Schülern Kontakt halten und den Lernstoff anders weitervermitteln; Menschen mit Zeit, die ihr Telefon nutzen, um mit anderen Kontakt zu halten, die jetzt keine Besuche empfangen können. Ich selbst habe viele mitfühlende Anrufe bekommen als bekannt wurde, daß ich eine Weile zu Hause bleiben mußte.

Im sehr langen Sonntagsevangelium von der Heilung des Blindgeborenen, fragen die Kritiker und Gegner Jesu immer wieder: Was ist hier geschehen? Was soll das? Wieso hält er sich nicht an das Sabbatgebot? Der Blinde war bestimmt gar nicht richtig blind, oder? Oder wenn doch: Wieso überhaupt war der blind? Wirklich blind? Völlig blind? Was hat die Blindheit denn verursacht? Wer hat gesündigt: seine Eltern? Oder er selber, so daß er von Gott mit Blindheit bestraft wurde? ES KANN NICHT SEIN,WAS NICHT SEIN DARF! (Johannesevangelium 9,1-41)

Die Botschaft Jesu lesen wir gleich ganz vorne, ehe sich die ganze Geschichte so dramatisch entfaltet: Die Werke Gottes sollen an dem Blinden offenbar werden … Jesus ist das Licht der Welt, das uns tiefer und weiter sehen läßt.

Die Welt steht still – lebe den Augenblick

Man kann wohl kaum behaupten, das Coronavirus und seine gräßliche epidemische Ausbreitung hätte irgendeinen tieferen Sinn. Ich mag auch nicht denken, Gott schwänge die Rute und ließe uns jetzt mal seinen Zorn spüren, weil unsere Welt so „gottlos“ und gottabgewandt sein könnte. Seit Jesus auf der Erde lebte, und seit er den Heiligen Geist gesandt hat, kann die Welt gar nicht mehr „gottlos“ sein.

Aber könnte nicht diese rätselhafte, totale Grenz- und Noterfahrung uns innehalten lassen und darauf stoßen, uns jetzt nicht mehr auf das schneller, weiter, größer, dicker, unantastbarer, unbegrenzter zu konzentrieren, sondern : Lebe den Augenblick – nicht so sehr wie der junge, entspannte Raucher aus der Zigarettenwerbung, sondern: Richte deine inneren Augen auf Gott; blicke auf deinen Nächsten, der neben dir steht, der dich braucht … Laß dir inneres Licht schenken – aus dem Glauben, angestoßen durch die konkrete Situation; laß dir etwas einfallen und auffallen, was du bisher nicht so im Blick hattest. Entdecke in allem neu Jesus, der dir und allen Licht sein möchte – nicht erst in der Ewigkeit, sondern jeden Tag. Jesus, der uns nahe ist in seinem Wort.

Jesus sagt im Johannesevangelium:

„Wir müssen, solange es Tag ist,
die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat …
Ich bin das Licht der Welt.

 Die Welt steht still – lebe den Augenblick.

Ihnen allen einen gesegneten Sonntag - und bleiben sie möglichst gesund!

Ihr Pfarrer Bernhard Brackhane