Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten der Corona-Pandemie

Gedanken zum 5. Fastensonntag - 29.03.2020 - 4. Sonntag ohne Messfeier im Bielefelder Osten

Ezechiel 37,12-14  -   Römerbrief 8,8-11  -  Johannesevangelium 11,1-45 

Gräber öffnen und die Toten herausholen - sterbliche Leiber, die lebendig gemacht werden sollen - eine vor kurzem bestattete Leiche, von der die Trauernden nicht lassen wollen - liebe Schwestern und Brüder, ich habe durchaus Sinn für schwarzen Humor, aber ich würde es von mir aus nicht wagen, in einer Zeit wie dieser solche Stichworte als Auftakt für den Sonntagsimpuls zu wählen. ABER lesen Sie selbst nach (s.o.): die kirchliche Liturgie bietet genau diese Themen - der Prophet Ezechiel genauso wie Paulus an die Gemeinde in Rom und wie Jesus selbst, als es um seinen Freund Lazarus geht.

Ich steige gleich ein mit den Kernaussagen Jesu. Als Jesus von der besorgniserregenden Krankheit seines Freundes erfährt, bleibt er bewußt noch dort, wo er sich gerade mit den Jüngern aufhält anstatt sich auf den Weg zu machen: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Und: Wer an mich glaubt, wird leben, auch, wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.

Statistiken sagen: Nicht nur die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, auch die Mehr-heit derer, die sich als gläubige Christen verstehen, glauben nicht an ein anderes, ewi-ges Leben. Es wird Sie überraschen: An ein Weiterleben nach dem Tod glaube ich auch nicht! Nein, wir werden nicht „weiterleben“. Mit dem Tod ist dieses Leben zu Ende und es gibt keine Verlängerung. (Natürlich spreche ich nicht von den Glücklichen, die kurz nach dem Herzstillstand noch reanimiert werden können …) Weder Lazarus hat Glück gehabt (immerhin ist er ein Freund Jesu), denn er mußte ja nach einigen Jahren ein zweites Mal - diesmal unwiderruflich - sterben; noch gibt es ein Weiterleben nach dem irdischen Tod. Auferstehung und ewiges Leben sind etwas Anderes. Auch Jesus hat nicht „weitergelebt nach dem Tod“; er ist am Kreuz gestorben und wurde begraben. Die Formulierung des Glaubensbekenntnisses „am dritten Tage auferstanden von den Toten“ hält das unmißverständlich fest. Die Auferweckung Jesu ist Gottes unerwartbare Tat; sie hat mit scheintot und Reanimierung nicht das Geringste zu tun.

Im Glaubensbekenntnis sprechen wir: „Ich glaube die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.“ Der „Katholische Erwachsenenkatechismus“ (1985) schreibt dazu: „Versteht man unter Leib im Sinn der heiligen Schrift den für die menschliche Person wesentlichen und ihr eigenen Bezug zur Mitwelt und Umwelt, dann meint leibliche Auferstehung, daß der Bezug zu den andern und zur Welt in einer neuen und vollen Weise wiederhergestellt wird. Es geht bei der Auferstehung der Toten also nicht bloß um die Vollendung des einzelnen, sondern um die Vollendung aller Wirklichkeit. Alle Welt und Geschichte wird am Ende der Zeit vom Geist Gottes erfüllt sein. Jesus Christus wird dann seine Herrschaft dem Vater übergeben, und Gott wird alles und in allem sein (1 Kor 15,28). Dann wird auch das Sehnen der gesamten Schöpfung, die „bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22) erfüllt sein. Eine neue brüderlich-schwesterliche Gemeinschaft und Solidarität wird in diesem Reich der Freiheit entstehen.“ (S. 413)

Das ist sehr gut formuliert - aber es bleiben uns ja Fragen. Auf das Evangelium bezogen: Was meint Jesus mit der Aussage: Diese Krankheit dient der Verherrlichung Gottes? Und: Was hilft uns das alles bei der Bedrohung, die wir jetzt spüren?

Jesus hat seinem Freund Lazarus nicht ein für allemal den Tod erspart, sondern er hat in der berichteten Situation gezeigt, daß der Tod nicht das letzte Wort hat. So diente der Machterweis Jesu gegen den Tod des Lazarus dem Lobpreis und der Verherrlichung Gottes, der das Leben will. So kamen alle, die am Grab des Lazarus standen, zum Glauben an Jesus. Mehr als 70 Jahre nach seinem geschichtlichen Kreuzestod Tod und seiner Auferstehung bestätigt das Johannesevangelium mit der Lazarus-Geschichte, daß Jesus den Tod in dem Sinn besiegt hat, daß Grab und Verwesung nicht Endpunkt sondern Durchgang sind: dem Menschen blüht buchstäblich Erlösung und ewiges Heil. „Diese Krankheit dient der Verherrlichung Gottes!“ - dem Lobpreis seiner Größe, dem Dank für seine Heilszuwendung.

Und was hilft uns das für heute? Es bleibt hart, denn wir können uns die Einsicht nicht ersparen, daß unser Leben enden wird; daß wir erleben und zur Zeit in den Nachrichten massiv erfahren, wie in der Welt um uns herum das Virus dem Tod zuarbeitet. Ja, es gibt eine Bedrohung. Aber wir Menschen stehen beim Umgang mit dem Virus nicht in einem Krieg, noch führt Gott einen Krieg gegen uns, denn Krieg ist immer gewollte Provokation und bewußte Aggression. Genauso wenig wie Jesus die Krankheit des Lazarus für harmlos hielt, dürfen wir das, was uns ängstigt, verharmlosen - aber auch nicht dämonisieren. Dennoch: „Ewiges Leben“ bedeutet etwas Anderes als „unendlich“.

Das Evangelium bietet uns an, anders zu schauen: Wir sind eingeladen, zum Glauben zu kommen, uns nicht dem Zweifel und der Spekulation zu überlassen: Wofür straft Gott? Haben die, die sterben oder auch nur infiziert sind, mehr gesündigt als andere? (Solche Fragen finden sich auch im Evangelium und werden von Jesus zurückgewiesen!) Halten wir uns an den Gottesnamen: JAHWE - Ich bin der „Ich-bin-da“; Jesus - Gott rettet; Immanuel - Gott mit uns. Das erfahren wir im Gebet; in der (telephonisch-tröstenden und in der helfenden) Zuwendung lieber Mitmenschen; das erfahren wir im Gebet für uns und für andere; das können wir spüren beim Lesen der Heiligen Schrift; das können wir erfahren, wenn wir unser Herz still werden lassen und hineinhören. – Ach, und auch in aller Glaubensgewißheit und bei allem Gottvertrauen: Wenn’s traurig ist, gehören Tränen auch dazu - auch für Jesus:  Er fragt: „Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus.“ (Joh 11,35)

Einen gesegneten, tröstlichen Sonntag, Gottvertrauen und Gesundheit  -  Frieden und Gutes!

Bielefeld, 28.03.2020                                                                                         
Pfr. Bernhard Brackhane