Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten der Corona-Pandemie

5. Sonntag ohne Messfeier im Bielefelder Osten

Führerschein, Abitur, 18. Geburtstag - das sind die ersten lebensprägenden Ereignisse, wenn man dabei ist, erwachsen geworden zu sein. In den darauffolgenden Jahren passiert eine Menge; dann kommt der vierzigste - für manche schwierige - Geburtstag und dann, irgendwann, sind mal 25 Jahre vergangen: in der Ehe, im Beruf. Bis dahin sammelt sich vieles unter dem Gefühl, stolz sein zu können, etwas geschafft zu haben. Man ist angekommen im Leben; es läuft.

Wenn aber irgendwo und irgendwie die „50“ auftaucht, die nicht mehr silberne sondern goldene Zahl, das Firmen- oder Gemeindejubiläum, der fünfte runde Geburtstag oder sogar im Einzelfall das Ehejubiläum, dann ist man in der „Geschichte“ angkommen und sagt Sachen wie: „Ich weiß noch: damals gab es Gaslaternen; da war noch alles mechanisch, da standen auf den Schreibtischen noch Aschenbecher anstelle von Computern …“

Liebe Schwestern und Brüder, ehe wir uns versahen, wurden wir von heute auf morgen hineinkatapultiert in „Geschichte“; was wir zur Zeit erleben, gab es noch nie: Kirchen ohne Betrieb wie Restaurants, Kinos und Theater. Wir vermissen besonders die Gottesdienste. Und jetzt stellen Sie sich vor: fünfzig Jahre ohne Meßfeier? Unvorstellbar!?  So etwas hat das Gottesvolk Israel erleben müssen: Nach der Herrschaft König Salomos (bis 930 v. Chr.) hatte es sich in Nord- und Südreich getrennt; das Nordreich ging 722 v. Chr. unter; das Südreich  bestand bis 587 v. Chr. - dann wurde durch die Babylonier der Jerusalemer Tempel zerstört, und es begannen die 49 Jahre der babylonischen Gefangenschaft (bis 538 v. Chr.). Psalm 137 beschreibt den Konflikt der Verschleppten, ihre Glaubenslieder den Siegern als Unterhaltungsmusik vorsingen zu sollen: „An den Strömen von Babel, da saßen wir, und wir weinten, wenn wir Zions gedachten. An die Weiden in seiner Mitte hängten wir unsere Leiern. Denn dort verlangten, die uns gefangen hielten, Lieder von uns, unsere Peiniger forderten Jubel: Singt für uns eines der Lieder Zions! Wie hätten wir singen können die Lieder des HERRN, fern, auf fremder Erde? Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll meine rechte Hand mich vergessen. Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht mehr gedenke, wenn ich Jerusalem nicht mehr erhebe zum Gipfel meiner Freude.“ (Ps 137, 1-6)

Ein gutes halbes Jahrtausend später - 70 nach Christus - brach es noch einmal schlimmer über die Juden herein, als die Römer den wiederaufgebauten Tempel in Jerusalem bis zum heutigen Tage endgültig zerstörten.

Unsere „Tempel“ d.h. unsere Kirchen, liebe Schwestern und Brüder, sind nicht zerstört und niemand macht sich über unsere religiöse Praxis lustig. Es sind schlicht die Umstände, die uns hindern und verbieten, Gottesdienstgemeinschaft miteinander zu pflegen. Wir erleben einander nicht. Und so kann auch die traditionelle Palmprozession nicht stattfinden. Jeder, der ein Palmzweiglein haben möchte, darf nur kurz kommen und muß ohne nahen Kontakt wieder gehen. Als ich gestern in der Kirche einmal sang, kam mir das fremd vor: Vier Wochen lang habe ich keinen liturgischen Gesang mehr angestimmt und weder mich noch andere singen hören. Unwirklich …

Sehr schmerzlich ist es für viele, die in Heimen und stationären Pflegeeinrichtungen leben, wenn jetzt vertrauter, liebevoller Besuch ausbleiben muß. Genauso schmerzlich ist es für Angehörige, deren liebe Verstorbene buchstäblich sang- und klanglos bestattet werden müssen.

Bleibt uns wie den heutigen gläubigen Juden seit 2000 Jahren in Jerusalem nur noch eine Klage-Mauer?

Meine Hoffnung ist: Vielleicht bekommen wir in dieser Zeit auch eine etwas größere Ahnung davon, daß das Christentum, unser Glaube von Beziehung lebt – nicht von Gebäuden und Veranstaltungen. Die Buchsbaumzweige, die wir sehr großzügig „Palmzweige“ nennen, sind Erinnerungszeichen, keine Beschwörungs- und Schutzamulette. Es sind nicht die „Dinge“ in unserem Glauben, die seligmachen, nicht die edlen Reliquien, nicht die Reste und Überbleibsel früherer Traditionen: Es ist Jesus selbst, es ist die Beziehung mit ihm, die lebendig wird in der Beziehung mit dem Mitmenschen.

Mit der jetzt beginnenden Karwoche empfangen und begleiten wir Jesus, der nicht nach Jerusalem kommt, weil dort etwas los ist, weil es dort schön und lebenswert ist, nicht, um sich bejubeln zu lassen. Er, der Messias, der Erlöser und Heiland, wird dort, im Herzzentrum des jüdischen Lebens, Worte sprechen, die durch die Welt und durch alle Zeit weiterklingen: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut“ (vgl. Mt 26,26f). Hier wird er nach dem Mahl nach der Fußwaschung sagen: Begreift ihr, was ich an Euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch Ihr einander die Füße waschen. (Joh 13,12-14). Hier, in Jerusalem, wird er sagen: „Frau, siehe, dein Sohn!“ und „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26b.27) und: „Es ist vollbracht!“. Hier wird er nach dem Kreuzestod vom Vater auferweckt. Hier wird er den Jüngern den österlichen Frieden zusagen und die Vergebung der Sünden. (Großartig ins Bild gesetzt in St. Bonifatius; Osterbild 2019)

Ich lade sie ein: Schauen wir auf das „Nicht-Osterbild“ dieses Jahres, auf die Lebens-Bruchstücke, die doch neues, unerwartetes Licht, wärmende Flamme erspüren lassen. Singen wir - diesmal in der Stube, vielleicht alleine oder im kleinen Kreis - Hosanna, dem Sohne Davids, der uns, die wir getrennt und doch vereint als Kirche sind, liebt und mit dem heiligen, lebendig machenden Geist beschenkt.

Einen gesegneten Palmsonntag!

Pfr. Bernhard Brackhane