Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten der Corona-Pandemie

Zum Gründonnerstag 2020 - von Pfarrer Bernhard Brackhane

‚Es soll nicht aussehen, als ob der Priester sich nach der Messe schnell der Gewänder entledigt hätte und weggelaufen wäre!‘ Da waren wir uns im Gestaltungsteam für die Kirche einig. Als wir überlegten: ‚Sollen wir denn dekorieren wie sonst, als wenn Messe wäre? Oder muß das auch alles wegfallen?‘, war sofort klar: Nein, wir gestalten unsere Kirche so, daß alle, die kommen, die Bedeutung und die Stimmung des Tages nachempfinden können.

Und so kam die Idee, ob die Meßgewänder, die der Priester in der Liturgie getragen hätte, selbst eine stille Verkündigung zum Ausdruck bringen könnten. So haben wir am Palmsonntag ein rotes Gewand vor dem Altar ausgebreitet und Buchsbaumzweige darauf gestreut: „Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg“ (Mt 21,8) Jesus wird von seinen Freunden und Anhängern wie ein König in Jerusalem empfangen. Es wirkt etwas improvisiert - Kleider statt Teppiche, Palmzweige statt üppigen Blumenschmuckes, ein Esel statt eines stolzen Pferdes - man spürt, was gemeint ist, aber dies ist ein Armen-König, einer aus dem Volk, kein abgehobener Herrscher; ehrliche Begeisterung statt bestellter oder gezwungener Zujubler.

Was uns betrifft, so möchten auch wir Jesus als besonderen, bedeutenden Freund grüßen. Dafür haben wir eine hunderte Jahre alte Liturgie, ausdeutende Bräuche und Symbole. In diesem Jahr müssen improvisieren - fast wie damals im Original: Keine schönen Hosanna-Kirchenchöre, keine feierliche Prozession.

Heute, am Gründonnerstag liegt ein prächtiges Feiertagsgewand auf dem Altar, reich bestickt mit Weinranken und Trauben, denen der kreuzförmige Weinstock, das Chri-stus-Symbol, Leben spendet. Darauf Kelch und Schale, mit denen wir für gewöhnlich Messe feiern. Vor dem Altar stehen Kanne und Schüssel für die Fußwaschung - nur an diesem Tag verwendet, aber nicht weniger symbolträchtige Gefäße als Kelch und Schale: „Begreift ihr, was ich an Euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch Ihr einander die Füße waschen. (Joh 13,12-14).Messe-feiern geht heute nicht, aber Füße-waschen geht: heute und immer. Wohl nicht mit Wasserkanne und Waschschüssel; aber Jesus hat  ja auch nicht gemeint, wir sollten einander bei der Körperpflege unterstützen. Jesus demonstriert den Sklavendienst, der Gästen als Willkommensgruß erwiesen wurde. (Ihm selbst war diese Geste und andere Freundlichkeiten anläßlich einer Einladung beim Pharisäer Simon von diesem bewußt und mit ausgesuchter Unhöflichkeit verweigert worden: Lk 7,44)

Die Geste der Fußwaschung ist einfach zu deuten: Wer Jesus Aug‘ in Aug‘ begegnen will, braucht nicht etwa andächtig aufzuschauen (Das ist auch später nicht hilfreich: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr das und schaut zu  Himmel empor?“ Apg 1,11) Wer bei Jesus sein will, in Jesu Augen schauen und ihm zur Hand gehen, muß sich hinknien auf Fußwaschungs-Niveau …

Als Papst Franziskus im Vatikan einen geeigneten persönlichen Caritasverantwortlichen suchte, von dem er sicher sein konnte, daß er sich wirklich persönlich und tatkräftig um die Bedürfnisse der Armen im Umfeld des Petersplatzes kümmern würde, soll er als Eignungsprüfung  den polnischen Bischof, den er im Auge hatte, nur gefragt haben, welches Auto er führe: einen alten Fiat. Der Bischof wurde es.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kontaktsuchende,
Verhaltenspsychologen sagen: Unerwartetes Verhalten führt zu Irritation, Verunsicherung. Aber Irritation ermöglicht Neues. Dabei ist nicht Wankelmut gemeint oder Fahrigkeit, nicht Unüberlegtheit oder Mangel an Qualifikation. Es geht um die Umkehrung weltlicher Logik: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe …“  Jesus spielt nicht Demut und Frömmigkeit - etwa wie dieser Tage ein populistischer italienischer Politiker, der während einer Talkshow im Fernsehen ein Gebet für die tausenden Toten in die Kamera sprach und dabei die Moderatorin gleich mitübertölpelte. Jesus ist echt.

Der Evangelist Johannes schreibt erstaunlicherweise: „Es fand ein Mahl statt. … Jesus … stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goß er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen …“ (vgl. Joh 13,2-5). Das berichtenswerte Ereignis dieses Abends ist für den Evangelisten erstaunlicherweise nicht das Mahl, sondern diese seltsame Handlung Jesu, die Fußwaschung, die an diese Stelle eines gemeinsamen Abends überhaupt nicht hingehörte. (Das gehörte zur Begrüßung der Gäste, die man eingeladen hatte! Und warum nach dem Essen die Füße waschen?! Dann doch eher die Hände!). Jesus faßt im Abendmahlssaal mit dieser Zeichenhandlung seine Verkündigung, die die Jünger miterlebt haben, zusammen: Gott ist die Liebe. Gott will, daß niemand verlorengeht. Das zu zeigen, dafür sein Leben hinzugeben, ist der Lebensinhalt und Auftrag Jesu, sein „Speise“. Lieben heißt dienen. Dienen heißt, sich einem Menschen so zuwenden, daß es ihm (leben) hilft, ihn aufrichtet, ermutigt, wieder froh macht. (vgl. Johevgl.  3,17 - 4,34 - 13,34 - 15,9;  1. Johannesbrief)

Liebe Schwester und Brüder, das können wir vom Gründonnerstag mitnehmen: Konkret lieben. Lieben heißt dienen. Dienen heißt, so leben, daß es meinem Mitmenschen hilft. Konkretheit statt Konzept - realisieren statt theoretisieren - verändern statt fest-stellen - Dynamik statt Statik. - Nicht nur beim Spielen, auch im „richtigen Leben“ ist eine wichtige Frage: Wer fängt an?

Einen guten Beginn der heiligen drei österlichen Tage!

Pfr. B. Brackhane