Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten der Corona-Pandemie

Ostern 2020

Ein gesegnetes, frohes Osterfest! Bewußt setze ich diesen Wunsch, der für gewöhnlich ans Ende einer Osterpredigt gehört, schon an den Anfang: Gesegnete, frohe Ostern Ihnen allen, die Sie diese Zeilen lesen, und die Sie Ostern feiern.

Ostern wurde, weil Gott es wollte. Ostern bleibt, weil er es will. Weil Gott aller Todes- Krankheits- und Unheilsangst, die uns traurig und kleinmütig macht, etwas entgegensetzt: Leben, das ER schenkt.

Das Osterfest hat tiefe Wurzeln im jüdischen Glauben: das Pessach-Fest, das in diesen Apriltagen ebenfalls gefeiert wird. Zur Tradition dieses Festes gehört, dass der klein-ste Junge der Familie vor dem feierlichen rituellen Mahl am Abend fragt: „Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?“ Daraufhin wird die Rettungsgeschichte des Volkes Israel erzählt, die im zweiten Buch der Bibel, dem Buch Exodus (Ex 12,1-14), überliefert ist: Gott führt sein Volk heraus aus der Unterdrückung in Ägypten – unter dramatischen, uns Heutige verstörenden Umständen. Die Nacht der Rettung des Volkes ist auch die Nacht des Todes der Kinder Ägyptens. Eine zweite, noch dramatischere Rettung des Volkes aus Todesbedrohung erzählt dasselbe Buch zwei Kapitel weiter: Diesmal kostet es die gesamte Streitmacht des Pharao das Leben. (Ex 14,15-15,1)

Tod und Rettung, große menschliche Not und Gottes unerwartetes Rettungshandeln - beides gehört in dieses Fest hinein. Deswegen prallen auch die widersprüchlichen Inhalte der Tage der Karwoche so aufeinander: Am Gründonnerstag Jesu Abendmahl mit den Jüngern - enge, intime Gemeinschaft mit einem bestürzenden Zeichen der dienenden Liebe, der Fußwaschung, die Nacht des angstvollen Gebetes und der Verhaftung. Am Karfreitag die brutale Hinrichtung Jesu und seine hastige Bestattung; am Karsamstag ernste, hoffnungslose Grabesruhe. Und dann als gewaltige Überraschung: Der Ostermorgen mit einer Engelsbotschaft: ER ist nicht hier. ER ist auferstanden.

Wir erleben in diesen Wochen weltweit das Aufeinanderprallen des Normalen mit einer Bedrohung durch das Virus, die alle Länder, Menschen jeglicher Herkunft und Lebensumstände und alle Situationen trifft. Dass uns die gegenwärtigen Umstände so in die Zange nehmen, dass alles Gemeinsame und alle Bekundungen von Zusammengehörigkeit und Zuneigung ausfallen müssen, dass hilfs- und pflegebedürftige Menschen auf Nähe verzichten müssen, dass Menschen sich unter Aufbietung aller Kräfte durch die Krankheit hindurchkämpfen müssen, dass alles, was als „normal“ gilt, jetzt auf dem Prüfstand steht, bzw. dass wir Vieles unterlassen müssen, weil es uns gefährdet - alles das ist ernst und schwer. Es ist erschütternd, dass weltweit tausende Menschen ihr Leben verlieren; dass in vielen Regionen von Armut und Enge weitere gewaltige Probleme zu erwarten sind. Es ist erschütternd zu sehen, wie auf einer abgelegenen Insel im Staat New York Tausende in einem Graben begraben werden – jeweils drei Särge übereinander.

Die Frauen im Evangelium, die zum Grab laufen, wollen unterbliebene Begräbnisriten nachholen. Sie fragen sich: Wer wird uns den Stein wegrollen? Hoffentlich werden nach Abklingen der Epidemie auch an diesem „Massengrab“ ehrende Begräbnisriten nachgeholt und die Hoffnung verkündet, daß jeder Mensch, der in den Tod gerissen wurde, zum Leben bei Gott berufen ist.

Liebe Schwestern und Brüder, es wird viele Menschen geben, die jetzt sagen oder empfinden: „Da seht ihr, wie wenig wir Menschen in der Hand haben. Hier gibt es kein Leben und keine Hoffnung mehr.“ Ich bin der Überzeugung: Ja, es gibt den Tod - grausam und entsetzlich. Aber Gott, der alles Leben weckt und will, lässt den Tod nicht den Schlusspunkt unserer Existenz sein. Wir dürfen hindurchgehen in ein anderes Leben. Gott verspricht in der Heiligen Schrift und zeigt in Jesus, dass wir zum Leben berufen sind, auch jenseits des Todes: in seinem Licht, in seiner Nähe. Dafür steht Ostern. Das ist Ostern.

Meine Hoffnung und meine herzlichen Grüße möchte ich mit zwei Strophen eines neueren Osterliedes aus dem Gotteslob zum Ausdruck bringen, das sich auf das Evangelium von den Emmausjüngern bezieht (LK 24,13-35; Ostermontag):

Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit! Schon sinkt die Welt in Nacht und Dunkelheit.
Geh nicht vorüber, kehre bei uns ein. Sei unser Gast und teile Brot und Wein.

Weihe uns ganz in dein Geheimnis ein. Lass uns dich seh’n im letzten Abendschein.
Herr, deine Herrlichkeit erkennen wir: Lebend und sterbend bleiben wir in dir.

Gesegnete, frohe Ostern wünscht

Ihr Pfr. Bernhard Brackhane