Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten der Corona-Pandemie

Sonntagsimpuls zum 5. Sonntag der Osterzeit, 10. Mai 2020

„Sprach der König zum Priester: Halte du sie dumm; ich halte sie arm.“ Bah! Zynisch und bitter. Das Internet sagt über Herkunft und Zusammenhang: Unbekannt. Zitat zum Thema „Macht“. Bei einer Tagung zu diesem Thema haben mich diese giftpfeilartigen Worte in ihrer Treffsicherheit zunächst angezogen - und dann erschreckt - wie Sie, liebe Schwestern und Brüder, wohl auch. Hat der Urheber (ich vermute einen Mann dahinter) das so erlebt? Vielleicht ist es lange her - aber der Hintersinn trifft auch heute noch:

Zwei führende Persönlichkeiten werden in ihrer Hinterhältigkeit demaskiert: Der König hat nicht das Wohl des Volkes, sondern dessen Ausbeutung im Sinn, indem er  möglichst unbemerkt seine Macht mißbraucht. Dafür braucht er einen Spießgesellen, der die Ausgebeuteten betäuben und aufkommende Bedenken zerstreuen soll. Das kann am besten einer, der auch sonst von Dingen spricht, die keiner nachprüfen kann: der Priester! Dann ist der Willkür des eigensüchtigen Königs keine Grenze mehr gesetzt. Für den gefügigen Frommschwätzer fällt bestimmt auch etwas ab. Thron und Altar als heimtückisch verschworene Koalition des Bösen.

Am 8. Mai vor 75 Jahren endete das Verfolgen und Mißhandeln, Vernichten und Ermorden, Zerstören und Zertrümmern des II. Weltkrieges. Nach hellsichtiger Deutung des früheren Bundespräsidenten von Weizsäcker (1985) war es auch für die Deutschen ein „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. … Der 8. Mai 1945 und seine Folgen sind untrennbar mit dem 30. Januar 1933 verbunden.“ König und Prediger, die ausgefeilt für Armut und Dummheit sorgten, trugen nicht Krone und Barett, sondern Uniformmütze und Hut.

Der Schlußsatz der zweiten Sonntagslesung aus dem 1. Petrusbrief, entstanden in den 90-er Jahren des ersten Jahrhunderts, also etwa 60 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung, greift die bekannten Größen König und Priester auf und kombiniert sie:

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1Petr2,9) Hier klingt der Bezug zu einer Passage aus dem zweiten Buch der Bibel, dem Buch Exodus, an: Gott spricht Mose direkt an, der auf den Sinai gestiegen ist, um seine Weisung, die Tora (u.a. Die Zehn Gebote), zu empfangen: „Ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex19,5)

Anders als beim zynischen Eingangszitat stehen die Bilder von König und Priester für bestimmte positive Haltungen. „König“ steht für einen weiten Horizont; überhaupt für die Horizontale. Ihn charakterisiert der Blick für das Ganze bis an die Grenzen, für Überblick und Sorge, die allen gilt, die innerhalb dieser Grenzen dazugehören. Königtum bedeutet Schutzraum, Miteinander- und Füreinander-sein. Ein König gründet Städte, läßt Gebäude und Straßen bauen, in denen Menschen leben können. Er sorgt für Gerechtigkeit und Frieden. Er fördert die, die sich bewähren und ihre Talente entfalten. Er schützt die Bedürftigen. Er verteidigt Recht und Gesetz Der König ist der Garant, daß alle, ob einzeln, ob zusammen, sich entfalten und gedeihen können.

„Priester“ steht für die Vertikale. Aufstehen, sich tummeln, arbeiten, ernten, essen und trinken und feiern können, Familie gründen, Erfolg haben und unbesorgt wieder schlafen gehen - das prägt die Menschen. Das ist aber nicht alles. Leben und gestalten können, säen und ernten und alles andere haben ihre Wurzeln in der Bitte und im Dank an Gott. Dafür steht der Priester: Die Opfer, die er darbringt, sind Zeichen des Dankes an Gott. Im Altertum und in archaischen Religionen floß dabei Blut. Das bedeutet: Leben wird gegeben in Beziehung zu dem und als Dank an den, von dem der Mensch das Leben und Leben-können empfangen hat.

Das Stichwort Opfer ist heute erklärungsbedürftig. Opfer im christlichen Verständnis bedeutet nicht zu glauben, Gott gäbe erst, wenn er selbst eine kostbare Vorleistung erhalten hätte. Das wäre ein feilschender Händlergott (Bares für Rares …). Opfer in christlichem Verständnis bedeutet: Hingabe, Schenken. Wer für eine geschätzte Person ein Geschenk sucht, wird immer nach etwas Wertvollem oder Persönlichem oder Bedeutungsvollem ausschauhalten und sich Mühe machen. Niemand käme dann auf den Gedanken etwas auszusuchen, was man bei dieser Gelegenheit loswerden oder billig erwerben könnte. (Deshalb finde ich persönlich das winterliche „Schrott-wichteln*“ weniger lustig als zynisch und irgendwie geschmacklos.)

Noch einmal der Passus aus dem Petrusbrief: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1Petr2,9) Übertragen in unsere Alltagssprache: Gott schaut auf euch, die Getauften, die nach Christus Benannten; ER hat euch in seine Nähe gerufen. Jede und jeder von euch ist berufen und befähigt, wie eine Königin, wie ein König, bis an die Grenzen zu schauen und alle in den teilnehmenden Blick zu nehmen, die mit euch leben. Alle sorgen mit für Auskommen und Schutz, für Miteinander- und Füreinander-sein. Und ihr seid Priester: mit dem Blick auf eure Mitgeschöpfe wendet ihr euch Gott zu, ihr „opfert“, d. h. dankt und schenkt Leben und Liebe, Zeit und Güter, oder nehmt einen Schmerz, ein Leiden an. So verkündet ihr Gottes Güte und macht sie erfahrbar. Das ist der Schritt aus der Finsternis in SEIN Licht.

Ich versuche, das Anfangszitat zu wenden: „Spricht der eine königliche Priester zur anderen königlichen Priesterin: Halte du sie im Herzen; ich halte sie hin zu Gott.“

Einen gesegneten Sonntag und eine gesunde neue Woche!       

Pfr. Bernhard Brackhane

 

*„Schrott-wichteln“: Gegen Jahresende praktizierte Negativ-Überraschungsaktion; eine Verlosung, zu der die Teilnehmenden je einen besonders häßlichen, überflüssigen, im besten Fall lustigen Gegenstand verpackt mitbringen. Je nach Handhabung bekommen die Beteiligten gezielt etwas für sie passend Häßliches, oder es bleibt dem Zufall überlassen, was sie aus einem Bescherungssack selbst herausziehen.