Anstelle eines Osterbildes

„Was machen Sie da?“ Sammeln Sie etwas?“ sprach mich ein älterer Mann an. „Ich habe Ihnen schon die ganze Zeit zugeguckt.“ „Ja, ich suche Stücke von alten Fliesen, um damit ein Mosaik zu machen.“ „Ach so, ja…. ich sammele auch gerne etwas, z.B. Steine. Es gibt ja schöne Steine ...“ Dann begann er ebenfalls, auf dem Boden nach kleinen Schätzen zu suchen. „Hier, das wird Ihnen gefallen!“ und er reichte mir ein recht großes Stück einer altmodischen braunen Wand- oder Bodenkachel herüber, das ich bewundernd einsteckte. Wo man Fliesenstücke aufsammeln kann? – etwa im Container vor dem Baumarkt, in dem die Rest- und Bruchstücke entsorgt werden? Eher nicht…

Beim Einrichten von Baustellen, auf denen schwere LKW fahren, werden in der Regel Zufahrten für die Baustellenfahrzeuge angelegt - aus klein zerbröseltem Recycling-Bauschutt von Abrisshäusern. Und darin findet man manchmal Scherben von alten Wand- und Bodenfliesen, die zusammen mit dem gesamten Bauschutt zerkleinert worden sind. Die Farben sind natürlich Glücksache. Weiße gibt es am meisten – wobei man bei den weißen Stücken etwas aufpassen muss, dass man nicht die Scherben der ebenfalls geschredderten und untergemischten „Badezimmer-Keramik“ ;-) erwischt, die in der Regel an leichten Rundungen erkennbar sind. Aber mit etwas Glück entdeckt man auch hellblau, blass-grün oder rosa glasierte Teile, ebenso Stücke von grauen Boden-Stein-Platten. Die kleinen Kachelscherben in kräftigem Rot, Gelb und Blau oder auch in anderen leuchtenden Farben sind eher seltene Schätze - fast wie Edelsteine! Und manche verstecken sich mit der grau-braunen Rückseite nach oben im erdigen Schotter-Haufen und wollen erst noch aufgedeckt werden.

Am liebsten hätte ich noch mehr schöne, charaktervolle Stücke gefunden – mit mehr intensiven Farben - aber darauf kam es ja nicht an, sondern darauf, aus den gegebenen Möglichkeiten etwas wachsen zu lassen.

Von Anfang an war nämlich klar: Ich würde nur Fliesenscherben aus dem Abriss-Schutt in mein Mosaik einbauen, und ich würde sie nicht durch ausgewählte Stücke von im Baumarkt zugekauften und absichtlich zerdepperten Restfliesen ergänzen. Warum nicht? Weil es ein Lebensgeschichten-Mosaik werden sollte – aus Bauschutt-Kachelstücken, die alle für „echte Menschen-Geschichten“ stehen – von Leuten, die unzählige Male über die Badezimmerfliesen gelaufen sind - barfuß oder mit Haus-Pantoffeln, die sich vor den Kacheln mit Blick in den Spiegel rasiert, die Zähne geputzt oder geschminkt haben (noch müde gähnend oder schon ein fröhliches Lied trällernd), die am Herd – vor der abwaschbaren gefliesten Wand – Essen gekocht haben – für sich alleine oder die ganze Familie, die in ihren vier Wänden geschimpft, gestritten, geweint und gelacht haben. Die Alltagsgeschichten aus der Zeit, als die Scherben noch ganze Kacheln auf Wänden und Fußböden waren, puzzeln sich jetzt neu zu einem Lebensmosaik zusammen – zumindest, wenn man sich das mit etwas Phantasie so vorstellen will.

Ein bisschen erinnert mich das entstandene „Bild“ an diese jetzige irgendwie unwirkliche und auch merk-würdige „Corona-Zeit“, in der alle vereinzelt, „versprengt“ auf ihre eigenen kleinen „Wohn- und Lebens-Zellen“ verwiesen sind – die mit nur wenigen Berührungspunkten wie die einzelnen Mosaiksteine nebeneinander liegen  – mit einem gewissen Sicherheitsabstand einerseits, andererseits aber doch untereinander verbunden, vernetzt, zusammengehalten durch die gefüllten Fugen, so dass kein Steinchen herausfallen kann…

Für mich ist es in diesem verrückten Frühjahr jedenfalls mein persönliches Osterbild – das mich erinnert an eine - zwar noch etwas zaghaft brennende - Osterflamme, die erst noch Osterfeuer werden will, aber schon anfängt im Dunkel zu leuchten – und an zarte grüne Pflänzlein, die vorsichtig anfangen zu wachsen und Blüten zu treiben. Apropos „anfangen“…

Anfang und Ende – Alpha und Omega! - Das kaum erkennbare „Alpha“ - blau glasiert auf einer weißen Fliesenscherbe im oberen Drittel (etwas links von der Mitte) – ist schon mal der Anfang.

A wie Anfang - Aufbruch - und Auferstehung!

Eva-Maria Nolte – im April 2020  

Gemeindereferentin im Bielefelder Osten