Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten ohne Sonntagsmessen

Sonntagsimpuls zum 3. Sonntag der Osterzeit, 26.04.2020

„Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.“ (Joh 21,5). - Es gibt nicht wenige Aussagen, die das Johannesevangelium als Worte Jesu überliefert, die nach heutigem Empfinden entweder provokativ oder wenig einfühlsam oder sogar etwas fies wirken, so wie der oben zitierte. Wieso? Nun, nach sichtbar mißlungenem Fischfang in der Nacht fragt Jesus angesichts der leeren Netze: Habt ihr nicht etwas zu essen? ‚Na, Jesus, muß das sein?‘, fragt das Gefühl, weil wir das als Bloßstellung empfinden. Der Kopf sagt uns aber: Das Zugeben-müssen ‚Unser eigenes Bemühen blieb wirkungslos‘, ist nur der Rahmen und Hintergrund. In der Absicht des Evangelisten liegt es, die Unterstützung Jesu, sein buchstäblich erfolgversprechendes Weisungswort noch markanter zu machen: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen!“ Es wird so voll, daß sie es nicht wieder einholen können. Wer auf Jesus hört, bekommt in Fülle, womit nicht zu rechnen war.

„Meine Kinder, habt ihr mit euren phantastischen Errungenschaften im 21. Jahrhundert denn keine Lösung für die Corona-Pandemie und für die Probleme, die daraus erwachsen? Diese Frage könnte man sich vorstellen, wenn der Evangelist unser Zeitgenosse wäre. Die meisten würden bescheiden-hilflos antworten wie die Jünger damals: Nein. - In unserer Zeit haben wir allerdings ein paar phantasievolle selbsternannte Hilfs-Experten: z.B. einen führenden Politiker, der Journalisten sprachlos macht mit dem Tip: „Die Leute sollten sich mit Desinfektionsmitteln impfen oder mit sehr hellem Licht von innen bestrahlen!“ oder einzelne osteuropäische Geistliche, die verkünden: „Der gemeinsame, vergoldete Kommunionlöffel ist nicht infektiös, denn die damit gereichte Kommunion ist ja Jesus selbst!“

Würden wir jetzt, nach letzten Äußerungen unserer Politiker, Jesus zu sagen wagen: Jesus, das alles ist sehr schlimm und viele leiden. Aber jetzt ist uns wenigstens ein bißchen möglich und erlaubt: in kleinerer Anzahl mit Schutzmasken, Anmeldung, Eingangskontrolle, Abstandswahrung, Gummihandschuhen, Desinfektionsmitteln und einer speziellen Hostien-Zange wieder Gottesdienst und Messe zu feiern!

Liebe Schwestern und Brüder, bitte nehmen Sie  mir die etwas gallige Ironie nicht übel. Ich versuche damit nur, Ihnen den bleibenden Ernst unserer Situation zu verdeutlichen, auch, wenn wir uns freuen dürfen, daß bestimmte Verbote und Einschränkungen nicht mehr „von oben verordnet“ sind, sondern in unsere Verantwortung gelegt werden.  Ja, der Grundgesetz-Artikel gilt: „Alle Gewalt geht vom Volke aus.“ Aber wir sollten anfügen: Diese Gewalt muß mit Vernunft, in Verantwortung,  Respekt und Einfühlsamkeit ausgeübt werden.

Erzbischof Becker und seine Berater, die Pastoralverbundsleiter und unser Seelsorgeteam, der Dechant und der Superintendent haben in den letzten Tagen viele Überlegungen angestellt und viel miteinander beraten. Ja, nach gegenwärtigem Stand sind mit dem 10. Mai, dem Muttertag, „öffentliche Gottesdienste“ in Bielefeld wieder möglich - aber nur mit den oben von mir flapsig aufgezählten Einschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen (und noch einigen mehr!). Hinter allem fürchten wir aber, daß durch unglückliche Umstände sich dennoch Infektionen ereignen könnten - durch Personen, die das Virus unerkannt (und ungetestet) tragen und übertragen können; durch begeistertes Liedersingen trotz Masken und trotz Abstands, durch Unvorsichtigkeiten aller Art. Und wir fragen uns: Wie fällt unser Lob Gottes aus, welcher Art ist die Freude, wenn wir in unseren Kirchen aussehen (noch einmal spitze Ironie:) wie ein medizinisches Fach-Seminar, das, auf 50 Teilnehmer begrenzt, vermummt, desinfiziert, in je 2m Abstand eine Art Katastrophenübung abhält?

„Werft die Netze auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas fangen.“ Ich deute den Text einmal so, als ob Jesus sagte: Das, was ihr (heutigen) Jünger üblicherweise macht, führt nicht mehr zum Erfolg. Hört auf mich und laßt euch auf ein anderes Verhalten ein: Fahrt noch einmal los zu einer eigentlich unsinnigen Aktion (am Tage waren die Fische längst abgetaucht!) und werft das Netz aus, wo und wie ihr es noch nie versucht habt – auf der anderen Seite. Konkret: Ihr stoßt an Grenzen; vieles funktioniert nicht mehr. Aber zieht noch einmal los; macht es mal auf meine Weise: Stellt euch mal etwas bewußter an meine Seite. Geht mal (mit mir an der Seite) allein oder als Hausgemeinschaft zur Kirche und sprecht zum Vater im Himmel – so richtig von Herzen! Das ist nicht weniger als „Sonntagsmesse“. Baut und haltet einen guten Kontakt zu denen, die besonders eingeschränkt sind. Ruft euch gegenseitig an, die ihr zu einer bestimmten Gruppe, zu einem Verein gehört. Der typisch westfälisch dröge Dialog: „Wie geht’s?“ - „Muß ja ..“ könnte in diesen Zeiten ja mal so gehen: „Wie geht’s?“ - „Nicht gut; ich mache mir Sorgen.“ - „Erzähl mal! (Ich versuche, dir zuzuhören wie Jesus)“

Liebe Schwestern und Brüder, wir lassen Sie und uns gegenseitig nicht allein. Wir werden Sie kurzfristig informieren, wo und wie im Mai gemeinsames Beten möglich werden könnte. Die Kirchen im Bielefelder Osten sollen großzügig und lange geöffnet bleiben; wir werden Ihnen weiter im Internet und am Ort Anregungen anbieten; wir empfehlen Ihnen auch in der nächsten Zeit die vielen guten Angebote in den verschiedenen Medien. Sie dürfen sich auch gern einzeln an uns aus dem Seelsorgeteam wenden und persönlich um Begleitung bitten!

Am Beginn der zweiten Sonntagslesung aus dem ersten Petrusbrief heißt es: „ Wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht.“ (1Petr 1,17).  In unserer Alltagssprache könnte das heißen: „Wenn ihr zu Gott betet, dann habt wirklich Vertrauen zu ihm. Ihm ist wichtiger, wie ihr lebt als wie bedeutsam ihr vielleicht seid - auch dann, wenn euch alles fremd und befremdlich vorkommt.“

Wir bleiben an Ihrer Seite auch, wenn wir uns nicht sehen! Der Heilige Geist Gottes verbindet uns. Gesegneten Sonntag!

Pfr. Bernhard Brackhane