Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten ohne Sonntagsmessen

Sonntagsimpuls zum 4. Sonntag der Osterzeit, 3. Mai 2020

Wer im Altertum die erste Tür erfunden hat, die den Durchgang in einer Wand viel besser verschließt als ein Fell oder ein Vorhang, weiß ich nicht. Es wird an der Erfindung der Türangel hängen, die erst ein Brett zur Tür macht: nämlich auf Dauer beweglich. Bahnbrechend! Und diese Erfindung hat bedeutsame Folgen. Die offene Tür signalisiert: Du darfst reingehen oder reinkommen. Die geschlossene oder sogar verschlossene Tür macht klar: ‚Es ist niemand da‘ – ‚Jetzt bitte keine Störung!‘ oder noch klarer: ‚Hier sollst du nicht reingehen!‘ Wer sich ohne Schlüssel trickreich oder gewaltsam trotz verschlossener Tür irgendwie Zutritt verschafft, macht sich als Dieb verdächtig und strafbar (wenn man von dem seltenen Fall absieht, daß man selbst den Schlüssel vergessen hat …).

Jesus kann im heutigen Evangelium diese Alltagserfahrungen voraussetzen (Joh10,1-10). Vor der anschließenden Bildrede vom guten Hirten verweilt Jesus beim Bild von der Tür und wendet es auf sich selbst an: Ich bin die Tür. Gedanklich läuft die Szenerie von der Schafzucht mit; es geht um den Zugang zu den Schafen auch abends noch, wenn sie im schützenden Pferch oder Stall sind. Den hat nur der Hirte, dem am Wohl und Wehe der Schafe gelegen ist.

„Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein und aus gehen und Weide finden … Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (VV 9.10)

Wenn ich das in unseren Wahrnehmungshorizont übertrage: Wir haben durch Jesus freien Zugang in zwei Richtungen. Wenn ich schutzbedürftig bin, kann ich hineingehen in den Stall. Im Gefahrenfall wird die Tür verschlossen. Und dann, wenn  Dunkelheit und Bedrohung vorbei sind, kann ich mich frei hinausbewegen - auf gute Weide, d. h. dorthin, wo ich alles finde, was ich suche und brauche. Der zweite Gedanke: Jesus gewährt seine Gaben und seine Nähe nicht wie eine kniepige Gouvernante, die Kekse verteilt: ‚Jeder nur einen!‘ Nein, Jesus sagt: Damit sie das Leben in Fülle haben. Das heißt: Da fehlt nichts mehr. Jesus läßt keine Wünsche offen.

In diesen Wochen können wir das Bild von der Tür gut nachvollziehen: Viele sollen die Wohnung nicht verlassen; manche dürfen es gar nicht. In Pflegeeinrichtungen werden durch ganztägig verriegelte Außentüren nicht vor allem Diebe abgewehrt, sondern „Schädlinge“ (d. h. Schadensverursacher) anderer Art; die gefährlichen Viren, die uns bedrohen. Daß die verschlossenen Türen uns aber auch hindern, zu unseren Lieben zu kommen, für die Besuch und Nähe so sehr wichtig ist - das ist sehr schmerzlich.

Ich höre, daß viele Mitmenschen es machen wie ich: Sie verstärken die Kontakte über Telephon und Grüßchen per Post. Da tritt gerät mancher in den anteilnehmenden, inneren Blick, der früher gar nicht so sichtbar war. Junge Leute oder Nachbarn stellen erledigte Einkäufe vor verschlossene Türen, die kurz darauf von den dankbaren Bewohnern geöffnet werden. Der wichtige, aber manchmal sehr streng trennende Datenschutz ist eine Weile beurlaubt. Wenn wir nun auch nach und nach Museen und Botanische Gärten, Spielplätze, Frisiersalons und andere Geschäfte unter den gebotenen Schutzauflagen wieder betreten dürfen, dann könnten uns die sich (vielleicht sogar automatisch) öffnenden Türen an Jesu Wort vom „Weide finden“ erinnern: Finden und bekommen, wovon man sich leiblich und seelisch nähren kann, mindestens, daß man nicht zu sehr hungert.

Das „Leben in Fülle haben“, wovon Jesus anschließend spricht, ist aber noch mehr …

Im Bielefelder Osten sind die Kirchen schon seit Wochen häufiger und länger geöffnet als früher, aber sie werden sich sonntags auch mit dem 10. Mai vormittags nicht zu den Gottesdienstzeiten öffnen. Es ist uns, dem verantwortlichen Seelsorgeteam, einfach noch zu heikel. Wie aber sollen die Gläubigen, die so gern eine Messe besuchen würden, denn dann „das Leben in Fülle“ erfahren?

Liebe Schwestern und Brüder, ich selbst erfahre es wie eine Berg- und Talfahrt, was an Gefühlen, Gedanken und religiösen Fragen in mir hochkommt: In bald 37 Jahren meines Priesterseins habe ich an den meisten Tagen die Eucharistie gefeiert - sonntags mehrfach, manchmal müde, häufig freudig, gerne und mit geistlichem Gewinn. Und das tun zu dürfen, die Kommunion als dichte Gegenwart Jesu zu empfangen, habe ich als Stärkung, als Halt und Sinngebung erfahren. In den letzten Wochen war es nur ab und zu. Andere Priester zelebrieren täglich - mit einer digitalen Gottesdienstgemeinde oder ganz ohne - in übertragener Weise in spiritueller Gemeinschaft. Ich frage mich: Könnte es sein, daß zwischen Jesus und mir der Abstand ohne Messe größer geworden ist? Denn ich muß zugeben, daß auch meine anderen Gebete nicht zahlreicher oder spürbar intensiver geworden sind …

Ich glaube, das läßt er nicht zu, auch, wenn meine Herzenstür nicht immer offen ist (vgl. GL 218, 5. Str.). „Leben in Fülle“ heißt für mich nicht nur später, nach dem Tod mal das Ewige Leben erhoffen; es heißt für mich nicht nur, „Glaubensfreude empfinden“, „des eigenen Glaubens sicher sein“, eine „unumstößliche, krisenfeste religiöse Praxis“ zu haben. Leben in Fülle heißt für mich, gewiß zu sein: ER läßt mich nicht los; ER läßt mich immer wieder erfahren, daß SEINE Herzenstür offen ist, denn ER ist selbst das Leben. Er, Jesus Christus, ist der Rufende, Einladende, uns Tragende, Stärkende, Heilende, der „Heil und Leben mit sich bringt“.

Meine besondere Bitte an ihn in diesen Wochen ist: Laß mich DICH erkennen in der Schwester, im Bruder, wenn sie Sorge oder Freude mit mir teilen wollen. Laß mich dich erkennen in aller Unklarheit und deiner Führung vertrauen. Laß mich dich als gekreuzigten, verlassenen Erlöser erkennen, wenn Schmerz und Dunkel sich breitmachen. Laß mich dich in deiner österlichen Gegenwart erkennen in der Mitte deiner Jünge - und überall dort, wo gegenseitige Liebe lebendig wird. Schenke uns allen deinen tröstenden, kühlenden und anfeuernden, deinen zarthauchenden Geist. Amen.

Pfr. B. Brackhane