Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten ohne Sonntagsmessen

Sonntagsimpuls zum 6. Sonntag der Osterzeit, 17. Mai 2020

Zwei Berliner treffen sich. Der eine, rastlos und unzufrieden, beklagt seine Umtriebigkeit. Der andere versucht’s mit einem guten Rat: „Mensch, jeh‘ in dir!“ - „War ick schon; is ooch nischt los!“ (Mensch, geh‘ mal in dich! - Da war ich schon; da ist auch nichts los.) Berliner Schnauze - markant, aber vom heutigen Evangelium nicht weit entfernt. Jesus sagt, er werde Gott um einen Beistand für die Jünger bitten, der immer bei ihnen bleiben soll: Es sei der „Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt.“ (Joh 14,16)

„Abschiedsreden“ nennt man die Kapitel 13 – 17 im Johannesevangelium, knapp ein Fünftel des gesamten Textes. Damit unterscheidet es sich am meisten von den drei anderen Evangelien. Im Abendmahlssaal hält Jesus den Jüngern eine lange, teils gebetsförmige Ansprache, sein geistliches Vermächtnis; etwa so, als wenn ein Familienoberhaupt die gesamte Familie zusammenruft, um sich in einer feierlichen Abschiedssituation ein letztes Mal mit Wegweisungen an sie zu wenden.

„Der Geist der Wahrheit, den die Welt … nicht sieht und nicht kennt.“ Rätselhaft und befremdlich klingen die Worte – und doch: nach und nach fällt mir vieles ein, was die von uns bewirtschaftete, teils abgewirtschaftete Welt nicht richtig sieht und in seiner Bedeutung nicht erkennen und nicht ändern will: z. B. die nach wie vor hohe dreistellige Millionensumme der dauernd Hungernden; z. B. der Umgang mit den osteuropäischen „Leih“-Arbeitern auf deutschen Erntefeldern und in Schlachthöfen, ihre häufig miesen Unterkünfte, für die sie noch bezahlen müssen (Ich habe selbst mal eine gesehen.); z. B. die vielen Unwahrhaftigkeiten der Einflußreichen: ihre z. T. skandalösen Versuche, medizinische Forschungsergebnisse eigensüchtig auszuschlachten; z. B. die anscheinend zunehmenden gewaltbereiten, alle wissenschaftlichen Erkenntnisse ignorierenden Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen: Wahrheiten, die die Welt sieht und kennt - nicht aber Gottes „Geist der Wahrheit“.

„Der Geist der Wahrheit …“ Mir scheint, das gälte  auch der Kirchenwelt - im Kleinen wie im Großen. Höchste Kirchenvertreter schüren Verdächtigungen von Weltverschwörungen und anderen Bedrohungsszenarien. - Nach dem solidarisch empfundenen und getragenen ersten Corona-Erschrecken quengeln jetzt nicht wenige durch die Kirchenszene: Warum ist denn dies noch nicht wieder und das noch nicht!? Man könnte doch längst … Bis dann und dann wird doch wohl …!? Wir wollen die Wahrheit nicht, daß es so ähnlich (und schlimmer) ist, wie ohne Handy im liegengebliebenen Auto abseits der großen Strecken; wie nach der letzten Fähre auf der kargen Ausflugsinsel, nach der letzten Gondel auf dem Hochgebirgspfad; wie mit kaputtem Fahrrad und leerem Akku in Brandenburg: Keine Lösung in Sicht! Es ist schwer zu akzeptieren: Wie im Science-fiction-Roman oder -Film fordert uns der fühlbar wirksame aber unsichtbare Aggressor heraus, in dem er uns nach und nach erkennen läßt, das die uns bekannten Waffen zur Abwehr nicht taugen und sich keine Fluchtwege auftun.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will nicht schwarzmalen. Aber es wird vielen von Ihnen ähnlich gehen, wie es mir nach und nach gegangen ist: erst jetzt wächst die Einsicht, daß unser Alltag nicht nur für eine gewisse Zeit kurz unterbrochen ist, sondern daß wir es mit einem echten Bruch in unserer Wirklichkeit zu tun haben, der auf sehr lange Zeit Folgen haben wird. Das merken viele in der Arbeitswelt, im Bereich der Kultur, auf dem Konto. Ja, natürlich bin auch ich dafür, daß so viel wie möglich wieder umgesetzt werden kann: Besuche bei denen, die in Wohn- und Pflegeheimen leben; Begegnung, Gemeinschaft und Feier an einem schön gedeckten Tisch; Beschäftigung und Umsatz überall, wo Menschen ihren Lebensunterhalt sichern müssen; Reisen, Ausgelassenheit und Spaß in der Freizeit. Aber es wird nicht „retro“ und „backwards“ und nicht „re-start“ (= zurück und Wiederbeginn) sein: Es wird nicht mehr wie vorher sein. Aber es wird „neu“ sein können mit neuem Blick, neuem Tiefenblick, Ausblick, Einblick. Neue Aussichten gibt es nur mit neuen Einsichten - mit Gottes Geist, den die Welt nicht sieht und nicht kennt.

Wie sagte der burschikose Berliner Ratgeber: „Mensch, jeh‘ in dir!“ Versuchen wir es ernsthafter als sein Gesprächspartner; gehen wir in uns und hören in unser Herz:

Blieb mir Gott ferner, weil ich seit März an keiner Messe teilnehmen konnte? – Ich glaube nicht. Ich gehe in mich und spüre vielleicht: Es könnte sein, er führt mich wie Mose in die Wüste (der Messelosigkeit) und läßt mich ganz woanders hören: Mein Name lautet: Ich-bin-da - auch bei dir, auch jetzt (vgl. Ex3,14). Und wenn ich ihn nicht höre? „Mensch, jeh‘ in dir: Hör nicht auf, zu hören!

Blieb Jesus in diesem Jahr „tot“, weil wir Ostern nicht kirchlich feiern konnten? Verdirbt Gott es sich auch noch mit den Familien, weil es keine traditionellen Erstkommunionfeiern gab? - Ich glaube, nein. Ostern ist nicht, weil wir es veranstalten, sondern weil Gott „Ostern“/Auferweckung an Jesus geschehen ließ. Das gilt auch ohne Kirchenfeier weiter. Der Auferstandene grüßt die Jünger, die sich (wie wir) verbarrikadiert hatten: „Friede sei mit euch! … Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh20,19.22b) Ist dein/ist mein Herz offen, Frieden und Heiligen Geist zu empfangen und weiterzugeben.

Will Gott nicht mehr sichtbar gefeiert und geehrt werden? Keine ökumenischen, keine Freiluft-Gottesdienste zu Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam? - Ich glaube, Gottesdienst ist mehr Gottes Dienst an uns als unser Dienst für ihn. Gottes Dienst an uns geschieht nicht nur und nicht vor allem im kirchlichen Feiern. Er geschieht im Hören und Verwirklichen-können des Evangeliums. Gottes Dienst an uns geschieht, wenn wir uns (am Telephon, per „mail“) austauschen und einander schenken, was das Wort Gottes uns hat erkennen lassen, was es in uns bewegt und - vielleicht schon - verändert hat: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ (Joh14,21) ER meint mit „Gebote“ mehr als „Du sollst nicht töten. … Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen. …“ ER meint die gegenseitige Liebe, die er vorgelebt hat. Er wird sich mir und dir und uns offenbaren, d.h. sich im Herzen hörbar machen, wenn es glaubt und liebt - und wir nicht nur „religiös“ sind.

„Mensch, jeh‘ in dir!“ - „War ick noch nich so richtig … Mach‘ ick mal; vielleicht entdeck‘ ick wat …“

Einen gesegneten, erleichterten Sonntag!
Pfr. Bernhard Brackhane