Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten ohne Sonntagsmessen

Sonntagsimpuls zum 7. Sonntag der Osterzeit, 24. Mai 2020

Liebe Schwestern und Brüder,

im Erzbistum Paderborn ist seit mehr als vier Jahrzehnten das Pfingstfest mit der Spendung der Priesterweihe verbunden; in diesem Jahr zum ersten Mal nicht … . So kommt es, daß in der Zeit zwischen Mitte Mai und Anfang Juni viele Priester ihres Weihetages gedenken. Neben vielen gehaltvollen Gesten und Gebeten, die die Weiheliturgie prägt, trifft viele von uns ein Satz besonders, wenn sie vor dem Bischof knien, und er ihnen Kelch und Hostienschale überreicht und spricht: „Empfange die Gaben des Volkes für die Feier des Opfers. Bedenke, was du tust; ahme nach, was du vollziehst und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes.“

Schon einmal vorher - bei der Diakonenweihe - wird jeder Kandidat von einem ähnlich gewichtigen Deutewort getroffen, wenn der Bischof das Evangelienbuch überreicht und dazu sagt: „Empfange das Evangelium Christi.  Was du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde; was du verkündest, erfülle im Leben.“

In unserem Alltag dürfte es kaum noch Anlässe geben, wo so deutlich eine lebensprägende Richtungsweisung ausgesprochen wird. Es gibt gute Gründe, daß wir im Unterschied zu früheren Zeiten heutzutage sehr zurückhaltend damit sind, einem anderen Menschen zu sagen, was er tun und lassen soll, wenn es um seine Lebensgestaltung geht. Aber weil mir die beiden Sätze in diesen Tagen selbst wieder ins Bewußtsein kommen, möchte ich ein wenig mit Ihnen darüber nachdenken

Ein einziges Wort steht seit Wochen dafür, wie unsere Wirklichkeit, unsere gewohnten privaten und beruflichen Abläufe durcheinandergewirbelt wurden, wie unser kirchliches Leben regelrecht abbrach und unsere Selbstsicherheit und Selbstgewißheit einen mächtigen Knacks bekam. Daraus folgen für alle Bereiche die immer gleichen Fragen, die ich schon häufiger benannt habe: Wie lange noch wird…? Wann endlich kann wieder…? Wann holen wir…nach? Wie werden wir denn in diesem Jahr…? Das ist nachvollziehbar und normal. Für Betreuungseinrichtungen, für das Gastgewerbe, für den Tourismus, für Wirtschaftsbetriebe, für Schulen und soziale Einrichtungen und vieles andere gilt: Wir müssen Möglichkeiten finden, daß uns das aus dem früheren Alltag Vertraute wieder vorstellbar wird. Es reift aber in immer mehr Menschen die Erkenntnis, daß unser Leben - auch das kirchliche - sich in mehr Bereichen unumkehrbar verändert hat und weiter verändern wird, als wir uns bisher vorstellen können und eingestehen möchten.

Vielleicht helfen die beiden Sätze aus den Weiheliturgien, aus der Schleife des mißmutigen Fragens herauszukommen und in eine neue Richtung zu denken: Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst, und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes. Und: Was du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde; was du verkündest, erfülle im Leben. - Das könnte heißen: Schau auf dein Leben; schau, was sinnvoll war und bleibt; schau auch, was von dem, das du richtig fandest, Gewicht hat und was nicht. Frage dich: Was und wo hat mich bewegt und geprägt von dem, was ich „Glauben“ nenne? Worüber kann ich mich freuen, weil es mein Leben bereichert? Läßt mich Gott womöglich durch eine gewisse Mangelerfahrung etwas Neues entdecken: Jesus in mir, der mich stärkt? Jesus, der mir meine Nächsten, die Geflüchteten, die Menschen in Unfreiheit und Armut, ihre Freuden und Nöte (im Gebet) neu vor Augen führt und anvertraut … Kann ich womöglich anstelle einer bestimmten religiösen Praxis Jesus noch einmal direkter entdecken oder ihn in mein Leben hineinlassen - ihn, der für mich wie für alle anderen am Kreuz sein Leben gegeben hat? Kann ich - sogar als älter gewordener Mensch und Christ - den Glauben an den liebenden Gott, an Jesus Christus, seinen Sohn, und an den Heiligen Geist noch einmal neu und anders entdecken?

Die am heutigen Sonntag gelesene Passage aus dem Johannesevangelium bestärkt uns:
Das aber ist das ewige Leben: daß sie (die Jünger, die Gläubigen) dich, den einzigen wahren Gott erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus. … Die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen. … Für sie bitte ich, die du mir gegeben hast, denn sie gehören dir. (Joh 17,3.8.9)

Einen schönen, gesegneten Sonntag!                            
Pfr. B. Brackhane