Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten ohne Sonntagsmessen

Sonntagsimpuls zum Pfingstfest - 31.05./01.06.2020

„Kauf dir doch mal was Neues!“ - Manche von uns, die „shoppen“ (engl.; einkaufen) nicht als willkommene Freizeitbeschäftigung pflegen (können), müssen erst ermutigt werden, wenn der Zahn der Zeit sichtbar an der Kleidung genagt hat. Jetzt, da es Kontakterweiterungen gibt, werden sich auch die Beschäftigten im Einzelhandel über jede, die, und jeden, der sich ermutigen lässt, freuen. Erneuern kann man noch vieles andere: nicht nur Fenster und Fußbodenbelag, Kleidung und Frisur; auch Freundschaft und Kontakte lassen sich erneuern, Akzente, was vorrangig und wichtig ist, neu bestimmen, Zuwendung zu anderen höher dosieren.

Mit dem Pfingstfest, liebe Schwestern und Brüder, verbindet sich bei den Katholiken in Deutschland die Erwartung einer besonderen Erneuerung: Renovabis (lat.) – Du wirst erneuern. Nach den politischen Freiheitsbewegungen vor 30 Jahren in den Ländern Mittel- und Osteuropas haben die deutschen Bischöfe eine dritte große Spendenaktion ins Leben gerufen: Neben Adveniat im Advent (Dein Reich komme) und Misereor zu Ostern (Es tut mir leid, das Volk; wörtlich: Mich erbarmt des Volkes) ist seitdem mit dem dritten großen Zwei-Tage-Fest Pfingsten die RENOVABIS-Gebetsinitiative und Kollekte verbunden. Das Signalwort stammt aus dem Gebetsruf: Sendest du (Gott) deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern (lat.: renovabis faciem terrae). In diesem Jahr richtet sich die Aufmerksamkeit besonders auf die kleine katholische Minderheit in Nordwest-Armenien: „Dem Glauben ein Zuhause geben“.

„Wir haben im Moment ganz andere Sorgen!“ - Es kann sein, dass in unserm Innern diese Empfindung aufsteigt. Ja natürlich! Wir sind seit zwei Monaten völlig aus dem Tritt geraten; wir haben den Anschluss an unser normales Leben irgendwie verloren, denn das Coronavirus, das sich schlimmer in der Breite verteilt als Schrot bei der Hasenjagd, hat uns eine Selbstverständlichkeit nach der anderen aus der Hand geschlagen. Stimmt. Mich bewegt allerdings auch der Gedanke: Könnte es sein, dass wir nicht nur unangenehm aus dem Tritt geraten sind, sondern - aufgerüttelt - auch aus dem Trott geraten sollten?

Ich konnte es kaum glauben: In einem Fernsehbericht aus Bangladesh, ein bevölkerungsreicher Staat östlich von Indien gelegen, wo für Pfenniglöhne unsere T-Shirts genäht werden, gibt es ein Bordell-Dorf mit über 1000 Prostituierten, die unter unbeschreiblichen Umständen tausende Freier bedienen. In Brasilien dringen gewissenlose Wildtierjäger in Schutzgebiete ein und übertragen darüber hinaus gefährliche Infektionskrankheiten auf die dort lebenden Ureinwohner. In vielen großen Staaten der Welt unterlassen es die Mächtigen und Einflussreichen, vorhandenes und gespendetes Geld für Medizin und Schutzmaßnahmen einzusetzen; sie lenken es stattdessen auf ihre eigenen Konten um. Und in den weltwirtschaftlich bedeutenden Nationen USA, Russland und China, die sich widerstreitende Gesellschaftsideale haben, sind die Machthaber darin einig, mit allen Mitteln die Meinungsfreiheit einzuschränken und missliebige Fakten zu unterdrücken.

Da möchte ich unser Pfingst-Stichwort „renovabis“ als Frage an Gott richten: Renovabis? Gott, wirst du und kannst du das Angesicht einer solchen Erde erneuern?

Und schon kommt die nächste Frage hoch: Ist das etwa Gottes mangelndes Engagement, daß es mit der Welt an diesen Stellen so erschreckend aussieht? Man müsste dagegensetzen: Wie soll Gott denn das Angesicht der Erde erneuern, wenn es unzählige Menschen gibt, die das hartnäckig (d.h. mit hartem Nacken) verhindern: Mächtig, reich und einflussreich gewordene Menschen, die kaum „guten Geist“ in sich einlassen, weil die Drogen Selbstüberschätzung und Eigensucht echtes Mitgefühl und den Blick auf das Ganze der Welt und der Menschheit betäuben? Hat Gottes Heiliger Geist, der auf direkten Empfang im Herzen eines Menschen angewiesen ist, eine Lobby? Hat er „follower“ bei denen, deren Aufenthalt in digitalen Welten sie mehr prägt als die Zeit in der analogen Welt? Was vermag Gott bei tausenden von Leuten, die die eigene Herkunft, Hautfarbe, Körperkraft, Meinung absolut setzen und ihre Interessen mit Gewalt - sogar mit härtestem Widerstand gegen die Staatsgewalt - durchzusetzen versuchen?

Auch bei anderen hat es Gottes Geist schwer: bei denen, die gefährlich-unkritisch, unbeteiligt, innerlich zurückgezogen sind; die lieber in einer Art reibungslos funktionierender Modelleisenbahnwelt sitzen, während immer mehr Züge des wirklichen Lebens - ohne Rückkehr - abfahren.

Nein, liebe Schwestern und Brüder, es geht mir nicht darum, mit schweren Gedanken das schöne, frühsommerliche Pfingstfest zu vermiesen, zumal schon so vieles anders laufen muss, als wir es gerne hätten. Ich möchte Sie mit meinen Gedanken einladen, sich tatsächlich auf Gottes Geist hin neu zu öffnen. Im Englischen heißt „to follow“  folgen, nachfolgen. Ein „follower“ im Internet ist eine Person, die meinungsmäßig zustimmt, mitgeht. Wenn wir nun durch die ganzen Corona-Probleme aus dem Tritt geraten sind, nehmen wir es doch als Anstoß, uns aus dem Trott bringen zu lassen und mehr „follower“ des Heiligen Geistes zu sein.

Im Johannes-Evangelium am Vorabend von Pfingsten heißt es aus dem Mund Jesu: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.“ (Joh 7,38)

Ich wünsche uns allen, die wir - auch in ökumenischer Verbundenheit - Pfingsten feiern, einen großen Durst nach Heiligem Geist. Frohe gesegnete Pfingsten!

Pfr. Bernhard Brackhane

 

Die diesjährige Renovabis-Kollekte kommt der kleinen katholischen Gemeinde in Ghazan-chi/Nordwest-Armenien für einen Kirchbau zugute.

Renovabis, Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa    www.renovabis.de

IBAN DE 94 4726 0307 0000 0094 00 / BIC GENODEM1BKC / Bank f. Kirche u. Caritas, PB

 

Für Juni gibt es in unserem Pastoralverbund Bielefeld - Ost  eine Spezialausgabe der Pfarrnachrichten. Leider hat es mit der Auslieferung zu Pfingsten nicht mehr geklappt. Die Gottesdienstordnung bleibt bis zu den Sommerferien bestehen wie bisher.