Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten ohne Sonntagsmessen

Sonntagsimpuls zum 11. Sonntag im Jahreskreis - 14. Juni 2020

Also doch! Es sind nicht alle gleich! Es gibt welche, die stehen Gott näher – naja: denen steht Gott näher … also jedenfalls kann man das, was uns an diesem Sonntag aus der Heiligen Schrift verkündet wird, so verstehen. ODER?

Aus der alttestamentlichen Lesung, aus dem zweiten Buch der Bibel:
„Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“ (Ex 19,5.6a)

Und aus dem Evangelium:
„Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel …“ (Mt 9,5.6)

Es ist noch nicht lange her, liebe Schwestern und Brüder, da blieb mir der Mund offenstehen, als mir jemand kurz und knapp erklärte: „Die Gruppe  XYZ ist nicht mehr katholisch. Und wenn Sie hier nichts unternehmen, dann gehe ich bis zum Papst!“ Könnte das gemeint sein, wenn es in der Schriftstelle heißt: „IHR sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören …“? DIE sind nicht (mehr) katholisch, aber ICH; und ich weiß das; und ich beschwere mich beim Papst!? Nun mögen Sie denken, das habe eine etwas spinnerte Person gesagt, oder jemand, der vor Ärger den Bogen überspannt. Falls da ein Brief in den Vatikan geschickt würde, bin ich sicher, dass dort besonnene Menschen sitzen, die eine besonnene Antwort geben, ohne dass die Gruppe XYZ als unkatholisch verboten wird. (Letzte Woche schrieb ich noch von den Richtern und Henkern …). Das klingt danach: Katholisch ist besser als andere Konfessionen; christlich ist besser als andere Religionen; gottgläubig ist besser als keine religiöse Weltanschauung. Wir wissen es besser, wir sind besser. Und im Einzelfall sogar: Die anderen liegen FALSCH – und sie haben hier keinen Platz!  (Schlimm!)

Schlimmer noch ist, was wir derzeit weltweit beobachten: Dass nach der überwunden geglaubten Nazi-Ideologie Menschen mit heller Haut andere Menschen mit Wurzeln in einem anderen Kulturkreis oder Kontinent deswegen abwerten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden hatte, warum der Begriff „Rasse“, den wir im Tierreich ohne Bedenken verwenden können, auf Menschen nicht anwendbar ist. DENN: Von „Rasse“, bezogen auf Menschen, sprachen und sprechen immer nur die, die die eigene Herkunft für höherwertig als andere hielten bzw. halten. Ich habe in der Schule noch nicht gelernt, was heute wissenschaftliches Allgemeingut ist: dass a) der genetische Unterschied zwischen einem Schwarzafrikaner, einem Asiaten, einem Ureinwohner Australiens und einem Europäer, die doch so unterschiedlich wirken, verschwindend gering ist, und dass b) in Menschen aller Kontinente gleichermaßen genetische Informationen von gemeinsamen Frühmenschen feststellbar sind!

Dennoch, so mögen Sie einwenden, liebe Schwestern und Brüder, auch Jesus macht Unterschiede; auch er grenzt sich und die Jünger ab: Geht nicht zu den Heiden; geht zu den verlorenen Schafen Israels.

Es hilft nichts, wir müssen zugeben: Die Heilige Schrift lässt erkennen, dass in den Äußerungen Jesu seine selbstverständliche jüdische Glaubensprägung spürbar wird: Er sieht seine Sendung aus seinem erlernten jüdischen Glauben heraus: Weil Gott sich unter allen Völkern SEIN geheiligtes Volk erwählt hat (s. Exodus-Lesung), deshalb ist dieses Volk Adressat der Frohen Botschaft Jesu - nicht einfach wahllos alle Völker drumherum. Wir müssen aber auch festhalten: Im Laufe seiner Verkündigung „versteht“ Jesus sein vom Vater Gesendet-sein immer deutlicher als „für euch und für alle“ (Einsetzungsworte der Messe) - also für alle Menschen (vgl. auch die Mutter (eine Syrophönizierin = Griechin = Heidin), die für ihre kranke Tochter um Heilung bittet (Mk 7,27-29 ); der „Taufbefehl“: „Geht hinaus zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern…“ (Mt 28,19)).

Zum richtigen Verständnis, auch des Lesungstextes, ist es nötig, auf die einleitenden Worte zu achten: „„Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet …“ Ich füge hinzu: NUR DANN, wenn ihr auf Gottes Stimme hört … Die Stimme Gottes, liebe Schwestern und Brüder, hören wir aus den Worten Jesu, die uns noch besser ihren Sinn verstehen lassen, wenn wir uns darüber austauschen, wenn wir uns ermutigen, danach zu leben, wenn wir tatsächlich “…als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk…“, als „Volk Gottes“ leben, ohne das als ein Privileg, eine Bevorzugung zu unseren Gunsten misszuverstehen. Das ist eher eine Bevollmächtigung, ein Auftrags, eine Verpflichtung. Als „Volk Gottes“ leben heißt, so zu leben, dass das Wirken Gottes, die Liebe Gottes, die barmherzige Zuwendung Gottes, die vergebende Nähe Gottes bei uns erfahrbar wird: Ich vergebe dir und bitte um Vergebung. Ich helfe dir, wenn ich kann. Ich teile mit dir, was ich habe. Ich schaue, dass auch du leben kannst, wie es dir entspricht. Ich nehme dich an. Ich nehme mich deiner an. Ich nehme dich auf …

Nach diesen Betrachtungen muss ich meine einleitenden Sätze ändern:
Also: Es sind nicht alle gleich, aber gleichwertig! Es gibt welche, die spüren tiefer und sind gewisser: Gott steht uns Menschen - allen Menschen - näher, als wir uns vorstellen können. Als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk zu leben, ist möglich, wenn wir uns vom Ende des heutigen Evangeliums ermutigen und motivieren lassen:
„Geht und verkündet: das Himmelreich ist nahe! (Gott liebt dich, Mitmensch!) Heilt Kranke (Stehe ihnen bei und tröste!), weckt Tote auf, macht Aussätzige rein (Hole deine Mitmenschen in die Gemeinschaft!), treibt Dämonen aus (Verscheuche Schattengeister und Vorurteile; sprich Mut zu!) Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Mt 9,7.8)

Liebes geheiligtes Gottesvolk:
Einen gesegneten Sonntag wünscht           
Pfr. B. Brackhane