Sonntags-Gedanken und aktuelle Impulse in Zeiten ohne Sonntagsmessen

(Vorerst letzter) Sonntagsimpuls zum 12. Sonntag im Jahreskreis - 21.06.2020

Jeremia 20,10-13 - Paulus, Römerbrief 5,12-15 - Matthäusevgl. 10,26-33

In eigener Sache vorweg: Kurz vor Ende der Spargelsaison, die sich immer noch am Geburtstag Johannes des Täufers orientiert (24.09. - weil die Spargelpflanzen nach zwei Monaten dann erschöpft sind), möchte ich auch meine schriftlichen Sonntagsimpulse, die coronazeitlichen Predigt-Notrationen einstellen: Am nächsten Samstag/Sonntag feiern wir wieder Sonntagseucharistie; dann gibt’s wieder Direkt-Ansprache. … Danke für bekundetes Interesse und Zuspruch!

Liebe Schwestern und Brüder! Dramatisch geht’s in den Schrifttexten dieses Sonntags los: „Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen.“ Es geht nicht um den Chef des größten Schlachthofes Europas, in dem hunderte schlecht untergebrachte und durch Subunternehmer zusätzlich geschröpfte sogenannte Leiharbeiter wegen eines dramatischen Corona-Ausbruchs nun nicht mehr täglich 30.000 Schweine verarbeiten. Es geht nicht um den Verantwortlichen von „wirecard“, der auf den Konten partout 1,9 Millionen fehlende Euro nicht finden kann. Es geht nicht um den Ober-Obervorsitzenden des Aufsichtsrates einer Kaufhauskette, der wegen Schließung von über 60 Filialen tausende Mitarbeiter entlässt. Es geht auch nicht um einen jungen Nachwuchspolitiker, der sich für eigene und fremde Ziele zu weit aus dem Fenster gelehnt hat und merken musste, dass man unter Umständen das (politische) Gleichgewicht dabei verlieren kann … Hier geht es um einen unangenehmen Querulanten aus der Vergangenheit: Prophet Jeremia, der vor 2600 Jahren seine Hörer mit dunklen Unheilsansagen nervte. Deutlich spürt er: „Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze.“ (Jer 20,10).

Düster auch die zweite Lesung: Auch Paulus greift voll in die Saiten und schlägt theologische moll-Akkorde an: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.“ (Röm 5,12) Er spricht von Adam und der Ursünde im Paradies. (Beachtenswert: Paulus schiebt sie nicht Eva in die Schuhe!) - Sie kennen bei solchen Texten auch das seltsame Gefühl, wenn die Person, die die Lesung vorgetragen hat, schließt: „Wort des lebendigen Gottes“, dann möchte man doch gerade nicht antworten „DANK SEI GOTT!“, oder? Schauen wir ins Evangelium, ob es dort heller wird.

Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! Fürchtet euch nicht vor denen die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!“ (Mt 10,28)

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe meine Zitate hier bewusst so gestutzt, dass der eigentliche inhaltliche Zielpunkt nicht deutlich wird:  Alle Texte laufen auf den Zuspruch von Trost hinaus und auf die Zusage, dass Gott nahe ist. Wort Gottes für uns - DANK SEI GOTT!

Trost und Zusage – ja. Aber die biblischen Texte verschweigen eben nicht, dass das Leben immer angefochten bleibt, auch für die Gottgläubigen und die, die sich an Gottes Geboten Orientierenden - manchmal gerade bei ihnen. Wenn Paulus an die Ursünde des Adam erinnert, meint er nicht den Biss in eine verbotene Frucht. Als Theologe hat Paulus verstanden: Die Ursünde ist die Selbstüberschätzung des Menschen; der Wunsch, hinter dem Rücken Gottes - also gerade nicht unter dessen liebenden Augen - sein zu wollen wie Gott. Das heißt, schalten und walten können „frei nach Schnauze“, ohne Rechtfertigung; ohne Beachtung von übergeordneten Regeln und Grenzen.

Sicher: die Gabe des Menschen, über sich hinauszuwachsen, Grenzen zu überwinden oder sie wenigstens weit hinauszuschieben, hat uns in der Menschheitsgeschichte Großartiges beschert (das Rad!); besonders aber in den letzten 150 Jahren. Ohne diese innere Antriebskraft gäbe es kein Aspirin und keine Operationen, keine Verkehrsmittel, keinen Urlaubs- und keinen Weltraumflug, kein Navi und kein Handy. Aber überall hat sich gezeigt: Wenn der Mensch nicht gleichzeitig lernt, Maß, Mitte und Grenzen zu beachten, dann bedeutet Atomkernspaltung nicht nur unvorstellbare Energie, sondern für Jahrhunderte Tod und Vernichtung - Bombe und Tschernobyl. Dann bedeutet individuelle Fortbewegung auch Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung und Lärmbelastung. Dann bedeuten Schnäppchenmarkt und Spottpreise für die einen auch Hungerlöhne und Ausbeutung bei anderen.

Ich habe den Eindruck, nachdem wir in Jahren und Jahrzehnten vieles entdeckt haben, was unser Leben einfacher, schöner, reicher macht, Dinge und Möglichkeiten bietet, die es buchstäblich nach außen hin ent-Grenzen, sind parallel die inneren Kapazitäten des Menschen geschrumpft. Was nützt mir das? Was habe ich, was haben meine Gruppe, mein Interessenverband, meine Heimat- und Gartenfreunde, meine Nation, meine Partei, meine Glaubensgemeinschaft davon? Je größer die Aus-Maße um uns herum werden, umso klein(karierter) wird der innere Mensch. Dass wir mehr Grenzen haben und beachten müssen als wir dachten (äußeren Abstand halten, nicht sozial = physical distancing, nicht „social“ !!), dass Grenzüberschreitungen schädlich sein können bis zum Tod, dass es einer Welt- und Menschen-Anschauung bedarf, die auch alle anderen im Blick hat, auf Augenhöhe und nicht von oben herab - das wussten und wissen alle (außer bestimmten ignoranten Politikern), aber das scheint uns ein fast atomkleiner, lebensbedrohender Lehrmeister deutlicher erkennen zu lassen, der doch selbst so begrenzte Wirkkraft hat, dass er schon mit ein wenig Seife in 20 Sekunden  - einer Vaterunser-Länge - wegzuspülen ist. Verrückt!

„Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen!“ (Mt 10,31) – Das stimmt. Das gilt aber allen Menschen. Und gelebt werden will es von denen, die es schon wissen und verstanden haben. Mein Vorschlag für die Woche: Beten wir jeden Tag ein „Vaterunser“ extra, von mir aus beim Hände-vom-Virus-reinwaschen. Wir können damit den Blick in alle Richtungen lenken: auf IHN, auf sein Reich, das allen offen steht; auf seinen Willen, der geschehe wie im Himmel so auf Erden. Und auf unsere Mitmenschen, die auf das tägliche Brot für Leib und Seele warten, das ER durch unsere Hände und unsere Intelligenz allen geben und niemandem vorenthalten will.

Einen frohen Sonntag und eine schöne, gesunde Sommerzeit! (Erstmal wird’s heiß …)
Pfr. Bernhard Brackhane