Monatsimpuls

März 2021

Misereor Hungertuch 2021/2022 Bild: Misereor In: pfarrbriefservice.de

 

Unsere Füße tragen und stabilisieren uns, sie geben festen Stand. Verletzt verurteilen sie uns zur Unbeweglichkeit. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9)

Schauen wir auf das ungewöhnliche MISEREOR-Hungertuch der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez. Ein Triptychon: Ein Fuß kommt uns in der gesamten Breite auf hellem Grund entgegen.
Die Künstlerin hat ein Röntgenbild aus einer Klinik in Santiago de Chile verwendet. Opfer ist ein Mensch, der bei der Wahrnehmung seiner Bürgerrechte durch die Staatsgewalt verletzt worden ist. Das Motiv des verwundeten Fußes steht hier stellvertretend für alle Orte, an denen Menschen gebrochen und zertreten werden. Aber es verweist auch auf unsere Bestimmung als Menschen: Wir sind mit unseren Füßen fest auf diese Erde gestellt, um unsere Wege zu suchen und aufrecht zu gehen.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“: Fester Stand, weiter Raum – ein Gedanke, der aufatmen lässt. Der Psalm atmet den Duft der Freiheit, wenn Füße schwach, Wege uneben und Räume eng werden. Beim Anschauen des Bildes spürt man nicht nur den Schmerz, sondern auch eine Kraft am Werk, die herausbricht, die sich weiterbewegen und einen Prozess der Erneuerung (der Umkehr) anstoßen will.

In diesem Sinne lässt das Hungertuch an das biblische Gleichnis von dem Mann denken, der verletzt am Wegrand liegt (Lk 10,25f). Alle machen einen großen Bogen, nur der verachtete Samariter nähert sich ihm. Die zentrale Figur der Erzählung ist dieser namenlose Verletzte, der nur 'ein Mann' genannt wird. Der sei euch der Nächste, fordert Jesus, der Mensch, dem wir begegnen, indem wir unsere Straße verlassen und auf den Weg des Anderen, in seine Welt hinaus aufbrechen (Die Kirche sei ein Feldlazarett, sagt Papst Franziskus).

Basis des Bildes ist ein Röntgenbild, das den gebrochenen Fuß eines Menschen zeigt (als Symbol für unsere Verletzlichkeit). Das Hungertuch ist auf gebrauchten Bettlaken (aus einem Krankenhaus und einem Kloster) ausgestaltet worden. Damit will die Künstlerin sagen: Es ist wichtig, dass der Körper und auch die Seele gesund werden. Zeichen der Heilung sind hier eingearbeitet: goldene Nähte und Blumen (als Zeichen der Solidarität und Liebe und als Zeichen der inneren Kraft, die den Wandel in der Welt voranzubringen kann). Das Leinöl im Stoff verweist auf die Frau, die Jesu Füße salbt als Zeichen der liebevollen Zuwendung für die Menschen (Lk 7,36ff).

Wir sind erneut eingeladen, den intimen Raum unserer Herzen zu öffnen und unseren Fuß in den weiten Raum Gottes zu setzen, der uns seinen Geist einhauchte, und uns in der Nachfolge Jesu befähigt, so dass unsere Liebe auch für andere sichtbar wird.

Pastor Jan Lukaszczyk