Monatsimpuls

September 2021

„Jeder neue Tag ist neu geschenktes Leben.
Miss ihn nicht mit Vergangenem,
sonst gehst du an der Liebe Gottes vorbei.“

Sie schaut mich an und zitiert aus ihrem
reichen Schatz an Lebensweisheiten.
Wir sitzen im Sonnenschein auf einer Bank
auf dem Friedhof, den sie gern besucht.
Diesen Satz hat sie nie vergessen.
In einer wichtigen Lebensentscheidung wurde
er ihr wegweisende Wahrheit. Hat ihr nach dem
Tod des geliebten Ehemannes Mut gemacht und ihr noch
mal das Glck der Liebe geschenkt. Seitdem schenkt sie
dieses Wort weiter.
Davon erzhlt sie, und ich freue mich, dass ich so Kostbares
aus ihrem Leben erfahren darf.
Nun kenne ich sie schon etliche Jahre, diese wunderbare alte
Dame mit der so jungen irgendwie zeitlosen Ausstrahlung.
In ihren fast neun Lebensjahrzehnten gab es Beglckendes
wie Tragisches. Beides wohl hat sie reifen lassen, hat sie
lebensklug, glubig und dankbar werden lassen.
So erlebe ich sie.

Es ist ein Glck, Menschen wie ihr zu begegnen.
In meinem Arbeitsalltag geschehen solche Begegnungen
immer wieder, zum Beispiel auch, wenn ich Alte und Kranke
zuhause besuche. Danke Ihnen, die Sie - trotz allem - so
strahlende, dankbare Menschen sind! Sie sind Ansporn zu
lernen, wirklich jetzt zu leben, im Augenblick, immer neu
das zu entdecken, was mir geschenkt wird – einfach so, unverdient. Nicht zu vergleichen, wie es mal war und daran
alles zu messen. Da schneidet die Gegenwart oft schlecht
ab.
Nein:
„Jeder neue Tag ist neu geschenktes Leben.
Miss ihn nicht mit Vergangenem,
sonst gehst du an der Liebe Gottes vorbei.“

Die Lebenskunst besteht vielleicht darin, sich am vergangenen Guten zu freuen, aber eben nicht im Vergangenen zu
verharren. Sonst gehen wir an der Liebe Gottes vorbei.
Die lockt immer ins Leben. In die Gegenwart, in das, was mir
an Gutem gerade jetzt widerfhrt. Was mich vielleicht sogar
auf eine neue Fhrte setzt. Jede und jeden persnlich, aber
auch uns als Gemeinden.

Meine Gesprchspartnerin auf der Friedhofsbank sagt es so:
„Vergangenheit ist Geschichte. Zukunft ist Geheimnis. Jeder
Augenblick ist ein Geschenk.“
Ich sehe es in ihrem Gesicht und ich spre genau: das sind
nicht nur schne Worte, sondern erfahrenes Leben. Gelebte
Weisheit. Es steckt so viel Lebendigkeit im Jetzt, im Aktuellen,
im Neuen, das von Gott her auf uns zukommt.
Zum Abschied trgt sie ein Gedicht von Goethe vor. Es ist ihr
zur Lebensmaxime geworden, und sie sagt es ihren Mitmenschen immer wieder gerne wie ein Segenswort (danke!):

Auch das ist Kunst,
ist Gottes Gabe,
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich so viel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn der Sommer lngst verweht
das Leuchten immer noch besteht.

Sie leuchtet selbst.
Sind es die sptsommerlichen Sonnenstrahlen, oder ist es ihr
inneres Leuchten? Vielleicht beides.
Sonnenhelle Septembertage mit Lust aufs Leben wnsche ich
uns. Trotz allem!
Ihre Brbel Ldige